Baku


Ehemalige Sowjetrepublik am Kaspischen Meer.
Reich an Öl.
Arm an Demokratie

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Ich telefoniere gerade mit meiner Freundin in Deutschland. Da klopft es an der Tür. Die Rezeptionistin steht da und zögert keine Sekunde. Sie sagt noch was von „Sorry Sir.“ Und „The Paper.“ Dann stürmt sie ins Zimmer, dreht eine Runde und verschwindet wieder. Das ist zuviel für mich. Ich brauch was zu essen. Noch in Kabul hatte ich beschlossen, in Baku zu Mc Donalds zu gehen. Das tue ich. In die Stadt. Durch den Regen sehe ich pompöse Gebäude. In der Fußgängerzone schauen mich Geschäfte westlicher Marken an. Und in der Mitte ist der Mc Donalds. Nur da nimmt man keine Dollars. Es ist die letzte Bastion des Kommunismus. Auch das Radisson verzichtet auf Luxus. Eine Marmorhalle mit einem kleinen Rezeptionstisch. In Dollar kann man da auch nicht tauschen.
Das war’s. Hotel Optieron im HintergrundDie Menschen sind russisch dominant. Leider wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nichts davon, dass Baku eines der Zentren des Zentralasiatischen Jazz ist. Ansonsten hätte ich mich vielleicht doch in die Kellereingänge getraut. Jetzt bleibe ich erst mal in der Pizzeria, die auch Dollars nimmt. Plötzlich bekomme ich Angst. Denke, dass Hotel wird bestimmt zugemacht.
Oder ich muss zahlen, um reinzukommen. Zutrauen würde ich es denen. Gehe aber ohne Aufpreis zurück in mein Zimmer. Da liege ich als es wieder klopft. Die Putzfrau steht vor mir. Redet etwas und zeigt zur Rezeption. Das Einzige, das ich verstehe ist „Madame Marina.“ Dann hebt sie verzweifelt die Arme zum Himmel als wenn sie flehen wollte und sagt: „Sex, Mister. Sex.“ Ich lächel und schließe die Tür. Dass alles hier ist so mysteriös, dass ich der festen Meinung bin, heute nacht noch meine Wertsachen loszuwerden. Tatsächlich werde ich nachts wach, als jemand versucht in mein Zimmer zu kommen. Doch die Sinne haben sich verzerrt. Es ist an der Nachbartür.
Es sind so oft die Geräusche in den Ohren, die den Eindruck einer neuen, fremden Umgebung ausmachen. Wo bin ich? Was höre ich? Was sagt mir das, was ich höre? Man kann viel lernen über die Bewegungen in der Stadt, die Aktivitäten der Leute, die Religion, die Kultur. Doch hier oben höre ich fast nichts außer einem schwer definierbaren Rauschen. Es ist eine Mischung aus Meer, späten Verkehr, Regen und Wind. Dazwischen kann nichts durchdringen und ich kann auch nicht zu meiner Umgebung durchdringen. Es bleibt eine Distanz zwischen mir und Baku.
Morgens sehe ich auf das Kaspische Meer. Die Stadt ist grau und das versprochene zwei Dollar Frühstückslokal im ersten Stock ist eine Baustelle. Im Erdgeschoss steht immer noch derselbe Verkäufer in dem kleinen Kiosk: Zahnbürste, Unterwäsche, Wodka. Im Aufzug nach unten sind drei Aserbaidschaner mit mir. „Where are you from?“ „Germany.” “On holiday?” „No on transit from Afghanistan to France.“ „Ah, Afghanistan.” Drei Gesichter nicken schwer. Die Vergangenheit ist noch da. Die Stadt ist sauber, die Strandpromenade offensichtlich verlängert und mit Vergnügungsparks betoniert. Die Menschen joggen. Im Frühstückslokal gibt es keinen Tee und buntes GebäckAltstadt. Im Fernsehen laufen blühende Landschaften mit klassischer Musik sowjetischer Komponisten. Dann ein Film über den 2.
Weltkrieg. Es ist eine Mischung aus Stillstand und Fortschritt an diesem Morgen. Die Männer in schwarzen Lederjacken sehen suspekt aus. Doch auch sie lächeln. Und in der Altstadt versuchen die Teppichhändler mich in ihre Läden zu locken. Doch als ich ihnen sage, dass ich schon afghanische dabei habe geben sie auf. Die imposanten alten Gebäude liegen etwas alleine und verlassen dar. Kunden werden heute wohl nicht mehr kommen.
Ich sollte wieder zum Flughafen. Ein Taxi muss her. Aber nur für zehn Dollar. Das habe ich mir fest vorgenommen. Vor dem Radisson stehen sie. Zum Flughafen will ich, sage ich. Aber ich gebe nicht mehr als 10 Dollar. Tumulte, hohe Preise, Diskussionen. Schließlich willigt einer ein. Doch was dann passiert hätte auch ich nicht erwartet: Die anderen parken ihn zu und beginnen eine Rangelei. Ich entferne mich einfach mal und suche ein Taxi.
Am anderen Ende der Innenstadt steht eines der alten Lada Taxis alleine in einer Parklücke. Der Fahrer liest. Ich gehe hin und öffne die Tür. „Zum Flughafen? Aber ich zahle nicht mehr als zehn Dollar.“ „Warum nicht.“ Das ist die Antwort die man immer dann bekommt, wenn man eigentlich hört: Lass uns später noch mal drüber reden. Ich wieder hole: „Ich zahle nicht mehr als zehn Dollar.“ Alte Gebäude„Warum nicht.“ Diesmal macht die Betonung der Antwort jeden Widerstand zwecklos. Auf dem Weg prüfen wir noch mal den Reifendruck. Dann geht’s mit 80 zum entfernten Flughafen. Überall wird gefegt. Alte Frauen in Putzklamotten halten die Straßen sauber. Der tote Präsident Alijew und sein Sohn hängen überall.
Mein Fahrer konnte mal Deutsch erfahre ich. Aber jetzt kann er nur noch „Achtung.“ und „Stillgestanden.“ sagen.  Und Aserbaidschan liegt nicht in Europa und auch nicht in Asien, sondern irgendwo dazwischen. Und die Religion ist in der Sowjetunion zerstört worden. Am Ende hätte ich ihm gerne ein Trinkgeld gegeben. Aber Prinzipien. In Paris war es dann langweilig. Ich will gerne wieder nach Baku. Mehr von der Altstadt sehen. In Jazzkneipen gehen. Der fordernden Korruption widerstehen. Das Leben dieser Menschen etwas mehr verstehen. Denn der Hauch aus Regen und Wind, den ich erlebt habe war nicht vielmehr als ein Moment.