Ehemalige Sowjetrepublik am Kaspischen Meer.
Reich an Öl.
Arm an Demokratie
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Wenn in Kabul
Wolken am Himmel hängen, werden viele nervös.
Zumindest die, die jetzt das Land verlassen wollen. Der Flughafen der
afghanischen Hauptstadt ist nicht vielmehr als ein funktionales
Gebäude.
Hermetisch abgeriegelt. Nur wer ein Ticket hat, kommt hin. Die
Kontrollen sind mehr auf Bestechungsgelder aus, als auf einen
reibungslosen Ablauf.
„Wo fliegen Sie hin?“ Fragt mich der eine.
„Nach
Baku“, sage ich. „Wo ist mein Geschenk?“
Der nächste entdeckt die Teppiche in
meinem Gepäck und verlangt zwei Dollar Ausfuhrzoll. Gegen
Quittung. Vom
Veterinäramt. Kontrollen nur der Kontrolle wegen.
Die Metalldetektoren gehen nicht. Mit den
Händen wird nur bis zur Gürtellinie kontrolliert. Im
Wartesaal gibt es ein
Cafe und das Rauchen ist eigentlich verboten. Aber wenn man die
Wachsoldaten auf eine Pine Light einlädt, dann rauchen sie
schon mal eine mit. Der Flughafen von Kabul ist das Tor zu dieser Welt
aus Vergangenheit und Wiederaufbau. Er kann aber auch der Schmelztigel
der Hoffnungslosen
sein.
Nämlich an Tagen wie heute. Wenn
man mit einem Blick sieht, ob zu viele Wolken am Himmel sind. Ob der Schnee zu lange gefallen
ist. Es gibt in Kabul kein Leitsystem. Das Flugfeld ist vermint. Bei
Regen, Wolken und Schnee wird der Flugverkehr eingestellt. Das kann man
mit einem Blick sehen. Nämlich ob vor dem
Flughafen- gebäude die
Menschen stehen oder nicht.Wenn nicht geflogen wird, werden sie auch nicht reingelassen. Heute ist es weiß in Kabul, aber der Himmel ist blau. Ich fliege nach Baku in Aserbaidschan, um von dort weiter nach Paris zu reisen. Der Weg aus Afghanistan geht eigentlich über Dubai oder Islamabad, aber Baku ist eine Alternative. Aserbaidschan Airlines ist nicht gerade die Fluggesellschaft, die man als verlässlich kennt und das kleine Abenteuer Aserbaidschan beginnt für mich auch schon im Flugzeug. Wir sitzen, haben den Rücksitz des Sitzes vor uns nach vorne umgeklappt und die Füße ausgestreckt. Kurz vor dem Abflug der alten Tupolev kommt noch mal die Frau vom afghanischen Büro der Airline durch das Flugzeug und kontrolliert die Tickets. Und dann geht’s los. Die Karte mit den Sicherheitshinweisen bittet uns keine Keyboards zu benutzen und bei einer Notwasserung unsere Fahrräder im Flieger zu lassen. Baku. Das ist die Hauptstadt von Aserbaidschan. Diesem postsowjetischen Land voller Erdöl am Kaspischen Meer. Das Ölgeld kommt aber nicht bei den Menschen an. Am Flughafen spüren wir gleich die Korruption. Für das Visum braucht man zwei Passfotos. Keine dabei? Kein Problem: Der Cousin vom Visamenschen hat eine Kamera und macht die Bilder: 20 Dollar. Ein Kollege von mir steht am Gepäckband neben einem Raucherschild an einem Aschenbecher und raucht. Zwei Sicherheitsbeamte kommen: „Ihren
Pass
bitte.“ Er gibt ihn. Sie nehmen ihn: „Hier ist
rauchen verboten. Wenn Sie uns keine 50
Dollar geben, können wir Ihnen Ihren Pass nicht
wiedergeben.“ Erst
die Drohung mit der Botschaft löst das Problem. Ich habe kein
Zimmer. Suche eine
Vermittlung.Der Mensch in der Art Reisebüro am Flughafen sieht mich etwas zermürbt an. Im Spiegelbild der Fensterscheibe sehe ich das Computerspiel, von dem ich ihn gerade abhalte. Er sagt: „Nimm ein Taxi zum Optieron.“ Oder so ähnlich. Vor dem Flughafen ist es dunkel, es regnet und ist kalt. Die Taxifahrer sind eine wilde Horde. Sie stehen neben dem großen Schild mit den Preisen: In die Stadt 50.000 Manat. Das sind zehn Dollar. Sie fangen aber einfach mal mit 50 Dollar an. Unter 20 geht kaum. Ich will die Preise drücken. Biete einem Amerikaner an, gemeinsam zu fahren. Der lässt sich aber nicht runterhandeln. Sagt 20 Dollar zu. Drei Monate Lockdown in der US-Botschaft in Kabul machen willenlos. Wir fahren durch die Dunkelheit. In der Ferne links und rechts neben der Straße erahnen wir die Gerippe der Bohrtürme. Aus dem Öl kommt das Geld. Es macht 80 Prozent der Exporte aus. Als Jobmotor dient es aber nicht. Angesichts eines Staatshaushalts von 2 Milliarden Euro wirken die Einnahmen aus dem Öl als gigantisch. Doch über 40 Prozent der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze. Es dauert lange, bis wir die Prachtstraßen Bakus erreichen. Am Radisson steigt der Amerikaner aus. Er zahlt 20 Dollar. Für mich geht es sechsspurig weiter. Schließlich stehen wir in der Dunkelheit vor einem Plattenbau. „Optieron?“ „Yes.“ Ich geh mal gucken. Der Taxifahrer hält mich fest. Als ich Zweifel habe, dass hinter der dunklen Tür mit der Baustelle davor ein Hotel ist wittert er seine Chance. „Come. Come. Hotel.“ Eine Alternative habe ich nicht. Und er will mehr Geld. Das hat er schon mal klargemacht. Jetzt fahren wir zum nächsten Hotel. Wieder ein Plattenbau. Es regnet. Dicke Jungs bewachen den Eingang. Eine große Halle erinnert an sowjetische Abende mit Wodka und Musik.
Links eine Rezeption. Der
Taxifahrer vorweg. Die aufgeregten Rufe und Winks von dort ignoriert
er. Schon stehen wir im Aufzug. Der bleibt zwischen dem 10. und 11.
Stock kurz stecken. Ich bin
mal gespannt, wo wir aussteigen werden. Im 15. Stock sind wir da. Ein
langer Gang und ein Tisch mit einer Putzfrau und einer Rezeptionistin.
Die
will 70
Dollar für eine Nacht in dem Zimmer, dass groß ist
wie ein Appartement.Dann ist da noch der Taxifahrer. Der steht nämlich neben mir im Zimmer. Ich muss ihn noch mal bezahlen. Dann bin ich erst mal allein. Vom Balkon blicke ich auf das dunkle Baku und das Kaspische Meer. Es ist immer noch verregnet und kalt. Mit dem nassen Wind wehen auch die alten Zeiten um das Gebäude. Ein Prachtbau war das hier sicher mal. Ein großes Hotel direkt am Meer. Mit tollem Ausblick und vollem Service. Heute festigen die Eliten ihre Macht im Land: Mit Hilfe des Ölgeldes. Die so notwendigen Reformen werden höchstens mal versprochen. Gleichzeitig strömen die Menschen vom Land in die Hauptstadt. Neue Schätzungen gehen davon aus, dass mittlerweile die Hälfte der Landesbevölkerung im Ballungsraum Baku lebt. |