Afghanistan  

Jahrzehnte des Krieges.
Millionen Landminen.
Menschen voller Mut und Willen zum Wiederaufbau.


           Eindrücke       Bilder           Startseite





Good Morning Afghanistan

Kabul ist eine Stadt im Ausnahmezustand zwischen Angst, Alltag und Neuanfang. Es wäre falsch von einer ständigen Bedrohung zu sprechen, aber uneingeschränkte Sicherheit gibt es auch nicht. Anfang September schlagen fünf Raketen in der Stadt ein. Abgeschossen von den Bergen in der Umgebung. Wer sie auf die Stadt geschossen hat, ist unklar. Aber die Schützen zielen immer schlechter. Für ISAF ein Zeichen, dass denen, die gegen den neuen Weg des Landes sind, die Versorgungswege abgeschnitten sind.
Die Zünder sind veraltet, dadurch die Sprengkraft der Geschosse nicht mehr so hoch, Zielvorrichtungen gibt es auch keine mehr, ein Haufen Steine muss herhalten. Wo die Raketen einschlagen ist reinste Lotterie. Ob man zur falschen Zeit am falschen Ort sein wird kann man nie wissen. Dennoch begibt sich niemand in Gefahr, wenn er in Kabul auf die Straße geht. Zwischenfälle wie diese sind selten und die Menschen hier sind vielzusehr mit dem Wiederaufbau und ihrem neuen Leben beschäftigt, als dass sie sich ablenken ließen. Mal ganz abgesehen davon, was sie bisher an Kriegserfahrungen sammeln mussten.

Auch Kabul spiegelt die Probleme wider, die viele Gesellschaften haben, die im Aufbruch sind. Es gibt den großen Unterschied zwischen bitterer Armut und großem Reichtum. Die Mieten sind unglaublich hoch. Um die 50 Dollar pro Nacht für ein einfaches Hotel oder ab 4.000 Dollar Miete für ein Haus - in die Höhe getrieben von zahlungskräftigen Internationalen.
Dagegen steht die Armut vieler Straßenkinder. Manche konnten in den Flüchtlingslagern in Pakistan zur Schule gehen. Jetzt müssen sie nach der Rückkehr der Eltern den Neuanfang der Familie mitfinanzieren. So wie der kleine Junge, der Prepaidkarten für Handys verkauft. Er spricht sehr gut englisch. Aber weiter lernen kann er nicht.

Es hat etwas von "Good morning Vietnam" wenn man in Kabul das Radio anmacht und Radio Andernach hört. "Hier ist dein Einsatzradio" klingt es da auf 107,5 aus dem Äther. Die Soldaten der Bundeswehr geben sich alle Mühe ihre Kameraden zu unterhalten und zwischen Lagertipps mit grillen und Videoabend ist der Sender doch nicht viel mehr als ein Link zur deutschen Hitparade. In den Nachrichten heißt der Verteidigungsminister Dr. Peter Struck und auch noch so fernentrückte Themen wie die fünfzehnte Runde in der Rentendiskussion und was Herr XY dazu denkt sind plötzlich wieder auf der Agenda.

Afghanische Baukunst

Ein faszinierendes Kapitel afghanische Überlebenskunst ist jedes neugebaute Haus. Am Anfang steht die Linie. Aus Kreide mit viel Sorgfalt auf die Erde gezeichnet ist sie der Innbegriff des zu bauenden Hauses. Sie ist so etwas wie ein imaginäres Gebäude. Aus ihr werden Wände entstehen und die werden dann die Arbeit der UN oder auch der anderer Organisationen und vielleicht auch von Privatleuten beherbergen.
Entlang der Linien wird dann gebuddelt. Etwa einen halben Meter tief. Dann wird das Fundament mit Beton ausgegossen. Darauf werden die Wände gebaut. Man beachte, dass in der Regel zunächst die gesamte Länge der Wand hochgezogen wird und dann erst werden die Ecken eingefügt. Und um schließlich die Decke einzuziehen wird eine geschlossene Fläche aus Holzbalken abgestützt von gleichhohen Baumstämmen in dem Haus eingesetzt. Beton rein, warten, fertig. Wenn man so einen Prozess beobachtet kann man sich nur schwer vorstellen, dass dieses Haus hält. Aber es geht erstaunlich schnell, effektiv und stabil. Also weg mit den teuren Architekteninstrumenten.

Waffen, überall Waffen

Ein anderes Problem sind die Waffen. Das Land ist voll davon. Millionen Landminen verseuchen immer noch den Boden. Niemand weiß genau, wieviele Menschen als Soldaten oder Milizen gedient haben. Die Entwaffnung der alten Kämpfer durch das Verteidigungsministerium mit Unterstützung der Vereinten Nationen hat begonnen, aber es ist ein langwieriger Vorgang. Die Registrierung der Soldaten stockte zunächst im Sumpf der Korruption. Aber es geht voran. Immer mehr ehemalige Soldaten werden durch Fortbildung, Arbeitsvermittlung oder Unterstützung bei der Existenzgründung reintegriert. Einer hat sogar eine Karriere als Filmstar angefangen. Schätzungen nach sollen über 60.000 Männer der alten Streitkräfte unter Waffen sein. Rund 57.000 konnten bisher entwaffnet werden. Ob die Ziele des Programms erreicht werden bleibt abzuwarten. Zu oft legen die Soldaten entgegen ihrer Versprechen die Waffen doch nicht nieder oder nehmen sie wieder auf. Denn lokale Kriegsherren zahlen besser, als die meisten anderen Arbeitgeber. Vor allem dann, wenn ein ehemaliger Soldat sich entschieden hat, in die neue afghanische Armee ANA einzutreten. Schafft er das wird er von Amerikanern ausgebildet und schließlich ist er gut ausgebildet auf dem Markt der illegalen Milizen noch mehr Wert.
Nach Jahrzehnten des Krieges strotzt das Land nur so vor Waffen. Wieviele Soldaten zur alten Armee gehören weiß niemand so genau. Das Verteidigungsministerium der Übergangsregierung musste erstmal sammeln und registrieren. Eine Aufgabe, die sofort im Sumpf der Korruption endete. Denn es ging um viel Geld. Um die Soldaten zu motivieren, sich zu registrieren, sollten sie künftig vom Ministerium bezahlt werden. Das Geld ging an die Kommandanten der alten Einheiten, die es dann an die Soldaten weiterverteilen sollten. Das Ergebnis ließ nicht lange auf sich warten: Es gab plötzlich 100.000 Soldaten. Viele Kommandanten hatten viel mehr Kämpfer gemeldet, als es tatsächlich gab und das Geld in die eigene Tasche fließen lassen. Jetzt werden die Soldaten direkt bezahlt. Aber wieviele Soldaten die alte Armee zählte weiß immer noch niemand. Vor allem braucht dieses Programm Öffentlichkeit. Sowohl die Afghanen müssen von dessem Sinn überzeugt werden, als auch die Außenwelt vom Erfolg des Projekts. Afghanistan braucht eine Zukunft ohne Waffen. Wesentliche Schritte dahin werden immer wieder gemacht. Nachdem General Dostum im Nordwesten eingewilligt hat, seine Soldaten zu entwaffnen wurde Mazar-e-Sharif zu einer der friedlichsten Gegenden in Afghanistan. Über 100 schwere Waffen, mehr als 1.000 Soldaten und 35.000 Tonnen Munition hat er der UN üebrgeben. Seine Munitionslager sind ein erschreckendes Zeugnis für das, wozu die Menschen in diesem Land solange bereit und fähig waren.
Nur wenn das Land einen neuen Krieg verhindern kann, hat es eine Chance auf eine Zukunft die der längst vergangen Vergangenheit des Landes gleicht. Damals, als Kabul eines der großen Zentren auf der Hippieroute war, als die Parks berühmt waren und die Menschen in Frieden lebten. Vorher muss viel Aufbau geleistet werden, müssen Millionen Landminen entfernt werden und zur politischen Stabilität ist es auch noch ein weiter Weg.

Was die Zukunft für Afghanistan bedeuten kann? Was aus dem gemeinsamen Neuanfang wird, ist abzuwarten. Der Wille ist da, nur der Weg muss noch ausreichend geebnet werden.

Meine Eindrücke: 1 - 2 - 3 - 4 - 5 - 6